Prof. Dr. med. Dr. h. c. Manfred Wolfersdorf, Leiter Referat Suizidologie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN e. V.)
Suizidale Menschen sind keine Mörder, sondern Menschen in Not.
Suizidalität ist menschliches Verhalten, eine Krankheit „Suizidalität“ im Sinne einer medizinisch definierbaren Entität gibt es nicht. Dabei ist Suizidalität grundsätzlich allen Menschen möglich, tritt jedoch häufiger in psychosozialen Krisen und bei psychischer Erkrankung auf. Dies wird als „medizinisch-psychosoziales Paradigma“ bezeichnet.
In aller Regel werden suizidale Handlungen von Menschen durchgeführt, die sich in einer existentiellen Lebenskrise befinden, am Sinn des Lebens in einer Weise verzweifeln, dass sie niemanden sehen, der sie versteht, verlässlich zu ihnen hält, und deren Freiheit und Verantwortung, z. B. durch psychische Erkrankung, stark eingeschränkt ist (Höffe 1977).
Vor dem Hintergrund eines solchen Verständnisses von Suizidalität verbietet sich der Ausdruck „Selbstmord“, denn Suizidenten sind keine „Mörder“ im Sinne des Gesetzbuches, sondern Menschen in wie immer gearteten Not, die der respektvollen, hilfreichen und fachkompetenten Begleitung und unter Umständen des Schutzes und der Therapie bedürfen. Die heutige Suizidologie, Krisenintervention und Suizidprävention lehnt die Bezeichnung „Selbstmord“ vor dem Hintergrund unseres heutigen medizinisch-psychosozialen Paradigmas von Suizidalität ab.